Ahlen, 15.10.2010
Am späten Nachmittag
machte ich mich auf den Weg nach Ahlen. Natürlich musste es ausgerechnet da
anfangen zu schütten, wie aus Kübeln. Also, den sperrigen Schirm eingepackt (ich
muss mir echt mal ‘nen Knirps zulegen!) und ab in den Bus. Nach Ahlen ist es von
mir aus nicht weit, und die Schuhfabrik ist auch ziemlich in Bahnhofsnähe.
Dort angekommen, war noch niemand zu sehen. Hm… Die erste wollte ich auch nicht
sein, also auf zu einem Spaziergang durch Ahlen bei dem schönen Wetter (*hüstel*).
Die Geschäftsleute waren gerade dabei, ihre Läden dicht zu machen. Was mir blieb
waren ein paar kleine Schaufenster. Nun ist Ahlen nicht gerade groß und ich bin
die kurze Fußgängerzone bestimmt 5 mal hin und zurück durchgelaufen.
Um halb sieben dachte ich mir dann, dass es doch nun an der Zeit wäre, mal
wieder zur Schuhfabrik zu gehen. Aber es war immer noch keiner vor der Tür zu
sehen. Das konnte nun aber wirklich nicht sein. Aber da ich mich auch nicht
auskannte, ging ich einfach in die dazugehörige Kneipe, um mal nachzufragen. Und
siehe da: In der Kneipe waren die Leute und saßen gemütlich an Tischen und
tranken sich einen und aßen etwas. Denn: Der Eingang zum Saal war in eben dieser
Kneipe. Hätte ich wissen müssen. Dann wäre ich auch schon früher da rein
gegangen und hätte es mir gut gehen lassen.
Es dauerte dann noch eine geschlagene Stunde, bis wir rein durften.
Zwischendurch konnten wir sie schon kurz singen hören. Der Einlass ging dann
sehr zivilisiert und geregelt über die Bühne. Das lag wohl daran, dass Einlass
und Abendkasse von denselben Personen geregelt wurden. Außerdem war der Saal so
klein, dass man auch hinten noch nah dran war. Allerdings war die Bühne auch nur
einen halben Meter hoch. So war ich dann doch froh, einen Platz in der zweiten
Reihe bekommen zu haben.
Um 20:05 Uhr ging es dann endlich los und der Gitarrist Christian Kiefer kam auf
die Bühne und begann mit einem Intro, dass sehr nach Spanien klang. Patricia kam
dann nach ein paar Takten dazu (übrigens von hinten durch die Publikumsreihen)
und tanzte erst mal etwas flamencoartig über die Bühne um dann mit Hecho un
limon einzusetzen. Nach dem Lied begrüßte sie uns und sang ein zweites
spanisches Lied, dessen Namen ich jetzt nicht weiß, sorry. Direkt vor dem
zweiten Lied nutzte ein Fan die Gelegenheit, ihr einen wirklich schönen
Blumenstrauß zu überreichen. Patricia überlegte dann, was sie mit den Blumen
machen sollte. Auf die Erde legen? Dafür waren sie zu schade. Ins Wasser
stellen? „Das muss ich doch noch Trinken. Und ich weiß nicht, ob der Strauß
überhaupt in die Flasche passt.“ Aber die netten Angestellten der Schuhfabrik
reagierten schnell und gastfreundlich und brachten unter großem Applaus einen
mit Wasser gefüllten Krug auf die Bühne. Nach dem zweiten Lied erzählte sie, wie
sie in der Familie angefangen hatten zu singen. Einfach so, als Hobby. Dann
kamen aber immer mehr Anfragen zu Hochzeiten oder anderen Feiern und schließlich
musste Dan sein Geschäft aufgeben. Aus dieser Zeit in Spanien sei auch das
nächste Lied. Dann nahm Patricia sich ihre rot-weiße Trommel und sang Txiki.
Danach sei die Familie im VW-Bus nach Italien gereist, wo Dan studiert hatte.
Dort sei ihnen alles geklaut worden, außer ihrer Instrumente. So waren sie
gezwungen, auf der Straße zu spielen. Und sie merkten, dass das funktionierte,
denn sie nahmen eine Menge Geld ein.
Es folgte ein italienisches Lied: Mira il tuo popolo. Patricia fragte, ob wir
uns in der Gegend auskennen. Es sei ja nicht weit bis nach Münster, wo sie vor
ein paar Jahren mit Roncalli aufgetreten waren.
Dann erzählte sie die euch bestimmt allen bekannte Geschichte der Rettung des
Circus Roncalli. Eines Tages, während sie mit dem Zirkus auf Tour waren, sei
Bernhard Paul in Tränen aufgelöst zu Dan gekommen, weil der Zirkus pleite war.
So seien die Kellys zum Musik machen auf die Straße gegangen und nach ein paar
Tagen stellte Dan einen Sack voll Geld auf Pauls Schreibtisch und sagte: „Für
deinen Traum“. Seitdem sei eine enge Freundschaft zwischen den Kellys und dem
Zirkuschef entstanden.
Dann ging es weiter nach Irland, wo Paddy geboren wurde. Sie meinte er brauchte
natürlich einen ganz besonderen Auftritt und so lag in Irland Schnee, was nur
ganz selten der Fall sei. Außerdem hätte es gestürmt und die Hebamme sei nicht
rechtzeitig gekommen. „So gab es eine neue Hebamme namens Dan Kelly.“ Es folgte
Danny Boy. Sie erklärte, dass das Lied von einem irischen Auswanderer handelte
und von seiner Frau (Freundin, Geliebten??? …), die verspricht, auf ihn zu
warten. Jedoch seien nur sehr, sehr wenige Auswanderer jemals wieder
zurückgekehrt. Kleine Kritik hier: Den oberen Ton, ihr wisst schon: „Then I’ll
be there in sunshine…“ , muss sie immer eine Lage tiefer singen. Warum nur? Das
ist „nur“ ein e‘‘. Gut, ich singe in der Lage auch nicht gerne, aber in anderen
Liedern bekommt sie den Ton auch. Nur hier nicht? Na ja. Dafür 100 Punkte für
das Harfenspiel. Ich liebe es einfach, wenn sie Harfe spielt. Kann sie ruhig
öfter machen.
Nach der Zeit in Irland ging es mit dem berühmten Doppeldeckerbus zurück nach
Deutschland, wo sie dann von einem Plattenboss der „Deutschen Grammophon“
(später „Polydor“) entdeckt wurden und zum ersten Mal Karriere machten. Einige
Ältere würden sie bestimmt noch aus der Zeit kennen – mit Mama und Papa. So
manche ältere Herrschaften hörte man leise zustimmen.
Aus dieser Zeit stammte Alle Kinder brauchen Freunde, das extra für die Kellys
nach einer wahren Begebenheit komponiert und getextet wurde. Hier konnte das
Publikum zum ersten Mal mitsingen (denn endlich kam ein Lied, bei dem jeder den
Text konnte). Die Plattenfirma hatte Großes mit den Kellys vor. Eine
Weltkarriere sollte es werden. Papa Kelly lehnte jedoch ab und zog mit den
Kindern zurück nach Spanien. Kurz darauf wurde bei der Mutter Brustkrebs
diagnostiziert. Es ging dann alles sehr schnell. In weniger als einem Jahr hatte
die Familie sie verloren. Dann kam [/i]Calling heaven[/i]. Mir lief sofort ein
eiskalter Schauer über den Rücken. Das war so schön. Leider wurde die Atmosphäre
durch einige Leute links neben mir verdorben, die meinten Wunderkerzen anzünden
zu müssen. So schön die Dinger auch aussehen: Erstens halte ich sie in
geschlossenen Räumen für viel zu gefährlich (und ich weiß, wovon ich rede: Ich
hätte als Kind mal mit einer Wunderkerze fast unser Haus in Brand gesetzt) und
zweitens war die Geräuschbelästigung schlimm. Es war nicht nur das Knistern der
Wunderkerzen sondern auch das ständige Klacken des Feuerzeugs, das wohl nicht so
richtig funktioniert hatte. Das hat mich fast wahnsinnig gemacht. Klack, klack,
klack… Fast das ganze Lied hindurch. Und dann gerade bei dem Lied.
Na ja, weiter im Programm: Nach dem Tode der Mutter gingen die Kellys nach
Paris. Patricia erzählte, sie sei kürzlich in Paris gewesen, denn sie hätte dort
Gesangsunterricht genommen. Sie meinte, das müsse ab und zu mal sein, sonst
rostete die Stimme ein. Und sie hat recht. Und außerdem hat man gehört, dass sie
Gesangsunterricht nimmt. Etliche Intonationsprobleme aus der Vergangenheit waren
wie weggeblasen. Gefühl hin oder her: Die richtige Gesangstechnik kann nie
schaden, finde ich. Sie erzählte jedenfalls, dass sie viele Stellen gesehen
hätte an denen die Familie aufgetreten war. Und dass sie oft von der Polizei
vertrieben worden seien. Außerdem sei sie in Paris zum ersten Mal so richtig
verliebt gewesen. Auch, wenn sie dem Mann das nie gesagt habe. Als letztes Lied
vor der Pause sang sie dann noch Une famille, c’est une chanson. Wobei das schon
komisch war, als sie Dans Text gesprochen hat. So von wegen, dass sie der Vater
sei, der voranschreitet. *räusper* Aber der Text war so klasse rezitiert, dass
das eigentlich gar nichts ausmachte. Da war richtig Pfeffer drin.
Dann war Pause und die erste Hälfte war echt wie im Flug vergangen. In der Pause
kaufte ich mir dann die „It is Essential-CD“.
2. Hälfte
Christian Kiefer kam nach der Pause mit einem Banjo wieder sie spielten Just a
closer walk with Thee. Das Banjo ging so richtig ab.
Patricia hatte gerade angesetzt, das nächste Lied anzukündigen, da meinte
Christian, er müsse sie mal kurz alleine lassen um was zu holen. Patricia war
ein wenig verlegen und wusste irgendwie nicht so recht, was sie machen sollte.
Ich kann bis heute nicht beurteilen, ob das jetzt Show war oder wirklich
spontan. Jedenfalls verschwand ihr Gitarrist und sie stand da und musste
improvisieren. „Soll ich jetzt alleine singen, oder was ?“, hatte sie ihn
gefragt. „Nein, nicht singen.“ Sie nahm schließlich ihre Gitarre und meinte, sie
hätte das nächste Lied jetzt gar nicht geübt. Dann löste sich auch noch der
Umhängegurt von der Gitarre. Sie war gerade dabei, den wieder dranzufummeln, da
kam Christian auch schon wieder, in der Hand eine Gitarre. Die hatte er, aus
welchen Gründen auch immer, backstage gelassen. Patricia schien sehr
erleichtert, dass sie die Show nicht alleine durchziehen musste. Er befestigte
auch den Gurt wieder an der Gitarre und Patricia legte sie wieder weg. Nach
ihrer Zeit in Frankreich hatte es die Familie dann also mit allem, was sie
hatte, in die Staaten gezogen. Und so leitete sie auf Old black Joe über, einem
Gospel über einen alten Mann, der das Ende seines Lebens kommen sieht.
Es folgte ein Medley aus Michael, row the boat ashore, bei dem das Publikum
sofort mit dem „Hallelujah“ einsetzte, und Let it shine, bei dem Patricia ein
kleines Singspiel mit uns machte und uns für unseren Gesang lobte. Na ja… Ich
fand’s nicht so dolle. Also, den Gesang vom Publikum. Sie sprach dann noch den
anwesenden Journalisten an, dass Westfalen ja gar nicht so scheu seien. Und was
sie angeht könne er entscheiden, aber das Publikum habe auf jeden Fall eine gute
Kritik verdient. Der Journalist schien etwas überrascht zu sein, dass er in die
Show mit einbezogen wurde. Das hat ein wenig gedauert, bis er geantwortet hat.
Die Fans hatten da weniger Probleme. Während der ganzen Show gab es immer wieder
Momente, während derer Patricia sich mit dem Publikum unterhalten hat. So erfuhr
sie, dass man mit Westfalen zuerst einen Sack Salz essen müsse, bevor man mit
ihnen warm würde. „Ok, das kriegen wir hin.“ Na dann, auf geht’s! Besonders ein
Mann in den hinteren Reihen hatte es ihr angetan, weil Männer sich sonst nie
trauten, auf Konzis Antwort zu geben. Diesen sprach sie während des Konzertes
immer wieder an.
Nach der Zeit in Amerika seien die Kellys wieder nach Deutschland gekommen und
hätten nun wirklich überall gespielt. Auch in Westfalen, worauf das Publikum
laut mit Zurufen von Städten reagierte. Auch in Ahlen haben sie gespielt. Das
wusste Patricia allerdings nicht mehr: „Was, hier auch?“, „Nein, ich habe das
nicht vergessen, weil ihr so schrecklich seid.“ Na ja, das haste dich aber
gerade noch mal rausgeredet, Patricia.
Dann sei der große Erfolg gekommen und mit dem Erfolg die Enge. Darüber hätte
sie You’re losing me geschrieben. Ich hätte ja damals nicht gedacht, dass das
Lied einen anderen Hintergrund haben könnte, als Kathys Scheidung. Aber ein paar
Textzeilen sind in der Patricia-Version ja tatsächlich anders. Und als Botschaft
an die Fans bekommt das Lied ja echt eine ganz neue Bedeutung. Das hat mich mal
wieder sehr betroffen gemacht, vor allem, weil ich nie einer von denen war, die
die Kellys bedrängt haben.
Für das nächste Lied hätte Patricia eine Revolution gewagt, so erzählte sie. Die
Mädchen hätten ja immer lange Röcke getragen. In jener Zeit jedoch hatte
Patricia tatsächlich zum ersten Mal eine Hose an. Oh wow! Es folgte No lies. Das
Publikum war inzwischen aufgetaut. Nicht, dass die Stimmung nicht schon vorher
gut gewesen war, aber jetzt kamen nun mal die Sachen, die man auch wirklich
mitsingen konnte. Bei den alten spanischen Liedern vom Anfang ist das halt nicht
so einfach.
Dann kündigte Patricia das letzte Lied an. Sie erzählte noch, dass am nächsten
Tag in Düsseldorf ihr Bruder zu Besuch käme. „Welcher?“, schallte es aus allen
Ecken und Patricia schien zum ersten Mal zu realisieren, dass sie ja mehrere
Brüder hat. Sie präzisierte dann, dass sie Jimmy gemeint hatte. Die eigenen
Geschwister seien die härtesten Kritiker, meinte sie noch. Die seien immer ganz
ehrlich. Sie spielte dann An Angel und das Konzert war vorbei.
Äh…. Also, fast. Sie ließ sich dann noch zu ein paar Zugaben hinreißen. Auf
Zuruf. Zuerst [/i]First Time[/i], wo ich wieder merkte, wie gut ihr der
Gesangsunterricht getan hat. Dann noch Ojos negros. Dann verschwand sie von der
Bühne, nur um von uns wieder hervorgelockt zu werden. Als letzte Zugabe sang sie
dann noch Put on the light. Dazu nahm sie sich eine der Kerzen, die an der Wand
standen und die ich bis dahin noch nicht einmal bemerkt hatte.
Sie sagte: „Jeder kennt das ja, wenn man einen ganz schlechten Tag hat, an dem
man kein Licht sieht. Dieses Lied ist an einem solchen Tag entstanden.“ Sie
widmete dieses Lied dann noch einem Freund, der im Moment diese Dunkelheit
durchmache. Put on the light war so schön gesungen. Das war mein persönliches
Highlight des ganzen Konzerts. Man soll aufhören, wenn’s am schönsten ist? Dann
hat sie das auf jeden Fall geschafft.
Einige Dinge, die ich nicht mehr richtig zuordnen kann:
Patricia erwähnte, dass sie schon immer Regenwetter geliebt hat und dass sie es
nie verstehen konnte, wenn die Leute sich über Sonnenschein gefreut haben.
Zwischendurch meinte sie den Regen gehört zu haben. Muss ja dünne Wände haben,
die Schuhfabrik.
Sie hatte auch irgendwie keine rechte Ordnung in ihren Texten, die sie ja immer
braucht. Oder vielleicht waren sie in alfabetischer Reihenfolge. Jedenfalls
musste sie vor vielen Lied oft ziemlich lange blättern… Das sollte sie ändern,
das wirkt ziemlich unprofessionell. Ansonsten aber: Prima!