Patricia Kelly
Ein kleiner biographischer Einblick


Seit über dreißig Jahren lebt Patricia Kelly buchstäblich mit Leib und Seele für die Musik. Als Sängerin, Songschreiberin und Managerin erlebte sie mit der legendären „Kelly-Family“ über drei Jahrzehnte hinweg nahezu alle Erfolge, die man sich in ihrer Branche wünschen darf: 48 Gold- und Platinplatten, Stadien mit bis zu 280.000 begeisterten Fans, weltweite TV-Auftritte, sowie fast alle Preise und Auszeichnungen, die ein Musiker erhalten kann. Doch auch schwierige Zeiten und Schicksalsschläge haben ihr Leben bestimmt. Beide Seiten fließen bis heute in ihre Arbeit ein und machen ihre Musik jederzeit zu einer authentischen und persönlichen Erfahrung.
Als Solokünstlerin hat sich Patricia mehr denn je darauf konzentriert, abseits kommerzieller Erwägungen ausschließlich ihrem musikalischen Gefühl zu folgen. Einerseits kehrt sie dabei zu ihren Wurzeln im Folk zurück, andererseits findet sie im Jazz ein zweites Zuhause. Aber auch dies sind nur Stationen einer langen und noch längst nicht vollendeten musikalischen Reise.



Andalusien: Wie alles begann


Patricia Kelly wurde 1969 im Süden Spaniens geboren, und vom ersten Tag an gehörte die Musik zu ihrem Leben. Radio und Fernsehen gab es ebenso wenig wie fließendes Wasser, doch ihre Eltern, beide Einwanderer aus den USA, fanden Gefallen an den folkloristischen Traditionen ihres neuen Heimatlandes und hatten Freude daran, mit ihren Kindern zu singen und zu tanzen. Doch das heimische Umfeld reichte für die musikbegeisterte Familie schon bald nicht mehr aus. Hochzeiten, Geburtstage und andere Feierlichkeiten waren willkommene Gelegenheiten, auch andere am musikalischen Talent der Kellys teilhaben zu lassen.
Mit gerade einmal fünf Jahren packte die kleine Patricia die Sehnsucht. Die älteren Geschwister sangen mittlerweile bereits regelmäßig vor Publikum, traten bei Stadtfesten auf und nahmen an Gesangswettbewerben teil. Ab und zu durfte Patricia in Begleitung der Mutter mitkommen und den anderen Familienmitgliedern dabei zuschauen, wie sie ihr Publikum begeisterten. Fasziniert und voller Aufregung stand sie dann hinter der Bühne und wünschte sich nichts sehnlicher, als auch einmal dabei sein zu dürfen. Die schönen Stimmen, die bunten Kostüme und das Gefühl der Gemeinschaft riefen soviel Freude in ihr hervor, dass sie fortan nur noch eines im Herzen trug: Mit ihren Geschwistern singen zu dürfen.
Für die Eltern kam der Wunsch viel zu früh, doch Patricia ließ sich nicht von ihrem großen Traum abbringen. Schließlich erklärte sich Vater Dan zu einem Handel bereit: Sollte die Kleine innerhalb von zwei Wochen lernen, alle Lieder ihrer Geschwister nicht nur zu singen, sondern auch auf der Gitarre zu begleiten, durfte sie mit ihnen auftreten. Insgeheim war er überzeugt, das Thema sei damit vom Tisch, doch das Gegenteil war der Fall. Patricia, die bis dato noch kein Instrument beherrschte, bat ihre ältere Schwester Caroline, ihr das Gitarrespielen beizubringen.
Das große Ziel vor Augen, lernte das kleine Mädchen mit ungeheurem Fleiß, wie sich aus den straff gespannten Saiten die richtigen Töne hervorzaubern ließen. Und tatsächlich: Nach Ablauf der Zweiwochenfrist konnte sie ihren staunenden Eltern das Repertoire ihrer Geschwister vorspielen. „Es war sicher nicht perfekt, aber mein Vater konnte die Mühe erkennen, die ich mir gegeben hatte“, sagt sie rückblickend. Beeindruckt und gerührt erfüllte Vater Dan seinen Teil der Verabredung, und Patricia bekam, was sie sich so sehr gewünscht hatte.
Der erste gemeinsame Auftritt war für die kleine Schwester so überwältigend, so aufregend und emotionsgeladen, dass sie auf der Heimfahrt einfach nicht mehr aufhören konnte zu singen. Verursachten ihr Autofahrten sonst immer Übelkeit, war diesmal alles so sehr von der Musik erfüllt, die unaufhörlich in ihr nachklang, dass selbst körperliches Unwohlsein ihre Begeisterung nicht bremsen konnte. Patricia hatte ihre Bestimmung gefunden: Ihre größte Glückseligkeit war es von nun an, zusammen mit ihren Geschwistern auf der Bühne zu stehen und vor Publikum zu singen.

 

Von Spanien in die Welt: Erste Erfolge

Nach den ersten Erfolgen in Spanien zieht es die Familie zuerst nach Italien, dann Österreich, Irland, Deutschland und die Niederlande. Kein Tag vergeht ohne gemeinsames Singen, und Patricia lebt ihren Kindheitstraum. Ihr Geld verdienen die „Kelly Kids“, wie sie bei ihrem ersten Fernsehauftritt noch heißen, als Straßenmusiker und unterschreiben 1977 bereits ihren ersten Plattenvertrag. Drei Jahre später landen sie in Belgien und den Niederlanden ihren ersten Nummer-Eins-Hit. Die „Kelly Family“ wird quasi über Nacht zum Phänomen, und in den kommenden Jahren geht es quer durch Europa, später in die USA und wieder zurück.
„Wir gingen nie auf eine konventionelle Schule. Wir haben in der Schule des Lebens gelernt“, beschreibt Patricia die ungewöhnlichen Umstände, unter denen sie aufgewachsen ist. „Uns haben die Menschen beeinflusst, denen wir auf der Straße begegnet sind. Einfache Leute, die uns in schweren Zeiten Geld und Essen gaben. Clochards und Prostituierte, Prinzen und Könige, Priester und Philosophen, Künstler und die alte Frau von nebenan – wir haben von jedem einzelnen gelernt.“
 

Auf eigenen Beinen: Songwriting

Die Nähe zu Menschen jeglicher Herkunft ohne Ansehen von Stand oder Besitztum findet auch immer wieder Eingang in die Musik der Familie. Zu Beginn stammen alle Titel aus der Feder des Vaters, doch Dan Kelly bewegt seine Kinder schon bald spielerisch dazu, auch selber Freude am Komponieren und Songschreiben zu entwickeln. „Eines Tages sagte unser Vater: Jeder von Euch komponiert heute ein Lied, und am Abend führen wir es auf“, erinnert sich Patricia. Später wurden es täglich neun Stücke, und ganz egal, wie gut oder schlecht sie waren, jeder einzelne Titel fand Eingang ins Programm. Aus dem Spiel entwickelte sich bald echte Begeisterung, und Anfang der 90er vollzog sich für Patricia der entscheidende Wandel von der reinen Sängerin zur echten Songschreiberin.
Mit „First Time“ gelang ihr 1995 nicht nur der erste Titel, in dem sie sich uneingeschränkt wiederfand, sondern er wurde auch einer der prägendsten für die Karriere der Familie selber. Patricia weiß es noch wie gestern: „Als ich den Song zum ersten Mal vorspielte, waren alle sofort überzeugt, dass wir hier einen Hit hatten.“ Das unmittelbare Urteil der anderen Kellys sollte sich bestätigen. Ganze zwei Jahre lang hielt sich „First Time“ in den Bravo-Charts, und bis heute ist das Lied im kollektiven Gedächtnis verankert.
Der aufwendige Videoclip, den MTV wochenlang rauf und runter spielte, gehörte mit einer halben Million DM zu den teuersten, die bis dato in Deutschland produziert worden waren. Mit einer bewegenden Geschichte verlieh er dem Song selber eine zusätzliche Ebene, die dessen emotionale Wirkung noch verstärkte – ein Konzept, das andere Künstler schnell aufgriffen. Die Idee stammte auch hier von Patricia, die zudem die Hauptrolle spielte.
Patricia erwies sich schnell als einer der Songwriter der Familie und trug mit Titeln wie „No lies“, „Please don´t go“, „You belong to me“, „Walks like a queen“ oder „You´re losing me“ entscheidend zum unverwechselbaren Stil der Kellys bei. Ihr Talent und ihre Beliebtheit beim Publikum bewegten zwei Großkonzerne gar zu einem unmoralischen Angebot: Gegen Zahlung einer hohen Summe sollte Patricia sich von der Familie lösen und mit neuem Image als Solokünstlerin vermarktet werden. „Sie organisierten ein Geheimtreffen mit mir und der Konzernchefin aus den USA“, erzählt Patricia noch heute mit einem Kopfschütteln. „Den Vertrag hatten sie schon fertig. Ich habe ihnen gesagt, dass ich nicht käuflich sei und bin gegangen. Das konnten sie nicht verstehen.“


Medien und Management: Rechte Hand des Vaters

Zu diesem Zeitpunkt war Patricia im Managementbereich längst zur rechten Hand ihres Vaters geworden. Ab 1992 übernahm sie weltweit alle Verhandlungen, war Ansprechpartner für Presse und Medien, organisierte das Marketing und übernahm auch sonst die Mehrheit aller Management-Aufgaben. Rund 200 Menschen arbeiteten in den Jahren des größten Erfolges für die Kellys, denn es gab eine Menge zu tun: Alle Singles und Alben erschienen auf dem hauseigenen Label Kel-Life.
„Unser Vater hat sich nie an die Majors binden wollen und damals schon gesagt, dass sich die Konzernstrukturen der Plattenindustrie nicht ewig so halten können.“ Dan Kelly hatte auf diese Weise dafür gesorgt, dass die Familie bis heute sämtliche Rechte an allen Titeln behalten konnte, und zugleich ein Modell geschaffen, auf dem später viele andere Musiker aufsattelten. „Man kann es schon so sagen: Wir als Künstler hatten in Deutschland als erste ein eigenes Independent-Label“, bemerkt Patricia mit berechtigtem Stolz.


Solo-Projekt 1: Jazz

Heute gehen alle Mitglieder der Kelly-Family ihre eigenen Wege. Eine offizielle Auflösung hat es jedoch nie gegeben, und neue gemeinsame Projekte in der Zukunft sind nicht kategorisch ausgeschlossen. Doch schon lange vor ihren bisher letzten gemeinsamen Auftritten Anfang 2008 hatte Patricia über musikalische Wege nachgedacht, die ihr unabhängig von der gemeinsamen Arbeit mit ihren Geschwistern vorschwebten. Die Begegnung mit dem Saxophonisten Peter Materna legte den Grundstein für ein zunächst unbestimmtes Jazz-Projekt. Dabei sei es weniger das Genre selber gewesen, das den Gedanken so kraftvoll hat werden lassen, sondern vor allem „die Leidenschaft der Musiker für ihre Musik.“
Bereits im Januar 2008 begann Patricia mit der Arbeit an ihrem Jazz-Projekt. „Das erste, was ich Peter [Materna] gesagt habe, war: Lass uns nicht kommerziell denken. Es soll nur um die Kunst gehen“, beschreibt Patricia ihre damalige Herangehensweise – im Hinblick auf die Reaktionen ihrer langjährigen Fans ein Risiko. Umso erstaunlicher geriet der schnelle Zuspruch, den die ungewohnten Klänge auch bei langjährigen Kelly-Anhängern hervorrief. Patricia ist von den Reaktionen selber überrascht: „Bei den ersten Konzerten fand die Musik etwa nur ein Drittel der Zuhörer befremdlich, die anderen waren sofort angetan.“
Auch wenn dies nicht der Stil war, für den Patricia bei den Kellys bekannt war, stellte sich für viele schnell ein Gefühl unbedingter Authentizität ein. Hier war kein ausgeklügeltes Marketing-Konzept am Werk, sondern der ganz individuelle, ehrlich empfundene Ausdruck von jemandem, für den Musikmachen untrennbar zum Leben dazugehört.
„Wenn ich komponiere, ist immer ein Gefühl der Auslöser oder ein Gedanke, der mich gerade beschäftigt. Ich höre da in mich hinein.“ Mit einem vorgefertigten Plan im Kopf anzufangen, ist Patricia hingegen fremd. „Wenn mein Tagewerk getan ist und die Kinder versorgt sind, setze ich mich ans Klavier und singe vor mich hin. Die Musik kommt dann ganz natürlich hinzu.“


Solo-Projekt 2: „Essential“

So bedeutsam die Zeit mit ihrer Familie war, so sehr vermisst Patricia heute manchmal die gemeinsame Arbeit. „Ich habe viel darüber nachgedacht, was das Leben mir in all den Jahren gegeben hat, und was für ein großes Geschenk ich mit der Musik erfahren habe, die ich machen durfte.“
Ein bisschen Sentimentalität, aber auch große Dankbarkeit für die vielen Erinnerungen, aus denen sie heute schöpfen kann, weckten einen zweiten musikalischen Gedanken. Wäre es nicht schön, zusammen mit dem Publikum in die Vergangenheit zu reisen und all die vielen Stationen ihres Lebens mit der Musik noch einmal zu besuchen?
Doch für ein großes Ensemble schien ein solches Projekt zu persönlich. „Ich wollte dorthin zurück, wo wir alle herkommen, ans Lagerfeuer, wo wir mit meiner ganzen Familie, Freunden und Nachbarn nach einem langen Tag bis in die Nacht hinein gemeinsam Lieder sangen“, erinnert sich Patricia. „Ich komme vom Folk, und darauf bin ich stolz. Ich liebe Folkmusik.“ Und so sollte die musikalische Reise durch die alten Zeiten auch so unmittelbar und intim werden, wie eben möglich, nur mit einem Begleiter an der Gitarre.
Unter dem Titel „Essential“ singt Patricia in 6 Sprachen Traditionals aus allen Ländern, die sie mit ihrer Familie bereist hat, Chansons, Belcanto, Flamenco oder Country, und natürlich hier und da auch den einen oder anderen Kelly-Hit - allesamt miteinander verbunden durch Geschichten und Anekdoten aus über dreißig Jahren ihrer musikalischen Reise. Mitsingen ist ausdrücklich erlaubt.
„In diesen Konzerten bin ich nicht der Star, sondern nur eine unter vielen, die Freude daran hat, mit den anderen zu singen.“ – Und damit kehrt sie tatsächlich zu ihren Wurzeln zurück.



Mit Genehmigung vom MP Kelly-Team